Kalksteinsplitter

104 Normseiten (unveröffentlicht), 2021/2025

Die Novelle Kalksteinsplitter widmet sich in einer heutigen Verortung der Handlung dem historischen Kapitel der Vichy-Franzosen in Sigmaringen und im Hohenzollernschloss: »Vichy-sur-Danube«, wie es an einer Stelle im Text heißt.

Es ist in der Folge auch die Rede von Céline und seinem Ärztehaus, vom absurden Kuriosum einer Deutschen Botschaft auf deutschem Boden, von Zola und dem Dreyfus-Drama, aber auch von den Sigmaringer Hohenzollern und ihren illustren Familienmitgliedern, die, schon zu frühen Zeiten, auch im Schicksal der deutsch-französischen Geschichte mehr als ihre Finger im Spiel hatten.

 

Werkaufenthalt im Alten Schlachthof e.V., Sigmaringen, 2022

[...] Es mag mit dem Älterwerden die Verklärung der jüngeren Jahre sich verstärken. Ich spüre bereits jetzt, ein sattes Jahrzehnt später, wie diese Monate, wie mein geliebtes Zimmer unterm Dach, wie mein fast täglicher Gang quer durch die Stadt, von meinem Quartier bis hinunter ins Marais zum Institut, sich in meiner Herzkammer langsam zu einem Bernstein auswachsen, der, würde ich ihn ans Licht holen und polieren, funkeln und in seiner Mitte selbst ein kleines Herz umfassen würde. Ich hatte die einstige Dienstbotenmansarde über deutsche Freunde gefunden. Das Zimmer war klein. Wenn ich die Arme zur Seite ausbreitete, blieb wenig Platz bis zur Wand, und über meinem Kopf spürte ich die Zugluft, die ich bei jeder Bewegung verursachte, derart nah war die Unterseite des Hochbettes. Aber ich schaute durch zwei Fenster auf einen begrünten Hof und die viel besungene und so oft und prominent fotografierte Dachlandschaft aus Zinkblech. Die Fenster gingen nach Norden, das Licht im Raum hatte jene Beständigkeit, von der Maler träumen. Die Freunde, die mir den Raum vermittelt haben, hatten mir erzählt, dass diese wenigen Quadratmeter Paris seit langen, wohl sehr langen Jahren immer wieder unter der Hand weitergegeben wurden und dass dieser Staffellauf zurückreichte auf eben einen Maler, niemand anderen als Kaspar Weiss. Es gibt ein schmales Buch von Karolus Bicker, das diese Frühphase des Malerfreundes beleuchtet. Das Zimmer spielt darin eine Rolle. Mir kommt das auch deshalb hier in den Sinn, weil jener Autor in Radolfzell lebte, also gar nicht so weit vom Oberlauf der Donau, und auch einige scharfsinnige Texte über ein paar wichtige Fotografen geschrieben hat. Seinem Buch über Kaspar Weiss und in gewisser Weise über mein Zimmer verdanke ich, dass ich überhaupt erfahren habe, auf welch bedeutungsvollen Ort der Blick aus dem großen der beiden Fenster denn ging, wenn ich gegen die Brüstung gelehnt hinaussah auf das Rauschen der Stadt. Es gibt keine Zufälle, es gibt nur die Unwissenheit über die Verwebungen. [...]