Leseprobe:
Vor den Auslagen der Miederwaren tropfte der Pfirsich. Giuliana hielt die Frucht in der hohlen Hand, biss ein Stück ab, hinunter zum Stein, und drückte mit den Fingerspitzen gegen den Rest der pelzigen Haut. Sie drehte vom Leonhardsgraben sich weg, ging über die Straßen voller Autos und dann die Gasse hinauf zum Münster. Am Brunnen tauchte sie die Finger ins Wasser. Sie setzte sich auf die Bank daneben. Um diese Uhrzeit lag der Platz ruhig und leer. Am Restaurant gegenüber brach sich Wind in einer Fahne. War das nicht ihre, ihre Flagge? Der neue Milanese, von dem Chiara erzählt hatte? Machte der nicht erst kommenden Monat auf? Es war der Anruf. Ja, bestimmt. Daher die Verwechslung, darum das Bild vor Augen von Rot-Weiß-Grün. Ganz sicher. Die Mamma lag im Spital, und sie, sie konnte nicht weg. Auch Chiara nicht. Das hatte sie ihr eben noch einmal gesagt, mit Nachdruck. Und dann hatte sie geschrien, dann hatte Chiara einfach nicht aufgehört, sie anzuschreien. Noch nie in der Familie hatte jemand die Stimme erhoben, nie Böses gesagt. Nie. Sie erinnerte sich an kein einziges Mal. [...]
Kurzprosa, in: Mauerläufer Nr. 8 (Strom/Strömung), 2022. Mehr hier.